Autor: Siegfried Wollinger
Epilog
Was bleibt
So. Nun sind wir am Ende angekommen. Herrchen hat die Bilder geordnet, die Geschichten sind erzählt, und ich soll noch etwas Abschließendes sagen.
Am liebsten würde ich sagen, dass es Zeit für ein Leckerli ist. Aber ich merke schon: Er meint es ein wenig feierlicher.
Wenn ich durch diese Seiten schnuppere – Herrchen nennt es Blättern –, sehe ich uns an vielen Orten. Wir haben Abenteuer erlebt, und manchmal durfte die Fantasie
mit uns durchgehen. Sie braucht erstaunlich wenig Auslauf, um sehr weit zu kommen. Dann waren wir wieder daheim, bei meinem Körbchen, unseren Wegen und den
vertrauten Geräuschen im Haus.
Auf den Bildern bin meistens ich zu sehen. Das ist grundsätzlich eine vernünftige Entscheidung. Doch zu jedem dieser Bilder gehört auch Herrchen. Manchmal steht er
neben mir. Manchmal hält er die Kamera. Und manchmal erkennt man ihn nur daran, wie ich schaue.
Denn irgendwohin geht mein Blick ja.
Ich weiß, wie seine Schritte klingen. Ich höre, ob er nur kurz etwas holen will oder ob wir gleich hinausgehen. Ich erkenne an seiner Hand, ob darin ein Leckerli wartet.
Meistens jedenfalls. Gelegentlich überprüfe ich eine leere Hand noch einmal. Vertrauen ist gut, gründliches Schnuppern schadet trotzdem nicht.
Er kennt mich ebenfalls. Er weiß, wann ich etwas vorhabe. Wann ich meine Ruhe brauche. Und wann ich einfach in seiner Nähe liegen möchte, ohne dass daraus gleich
eine Beschäftigung werden muss.
So haben wir mit der Zeit viel voneinander gelernt. Herrchen wartet inzwischen recht ordentlich, wenn ich am Wegrand lese. Ich lasse ihm dafür seine kleinen
menschlichen Eigenheiten. Dass er schöne Stöcke liegen lässt, werde ich allerdings nie verstehen.
Vielleicht schaut er diese Bilder später wieder an und erinnert sich an Dinge, die ihm beim Fotografieren gar nicht so wichtig erschienen sind. An eine Pause unterwegs.
An mein Gähnen. Daran, wie ich nach einem Ausflug zufrieden im Auto saß.
Ich würde mich an seine Stimme erinnern. An die Hand, die mich gestreichelt hat, während er mit seinen Gedanken noch ganz woanders war. An einen Platz neben ihm,
den ich nicht erst verdienen musste.
Es ist schön, irgendwo so selbstverständlich dazuzugehören.
Nun liegen unsere Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln. Herrchen darf darin blättern, so oft er möchte. Er darf lachen und bei einem Bild auch einmal länger still
sein. Ich werde in der Zwischenzeit vermutlich meinen Kopf auf seinen Fuß legen. Irgendjemand muss ihn schließlich daran erinnern, dass zum Anschauen auch
Streicheln gehört.
Für heute haben wir genug erzählt.
Herrchen legt die Seiten beiseite. Ich hebe den Kopf.
„Na, Julie?“
Ich stehe auf und gehe zur Tür. Dann drehe ich mich noch einmal nach ihm um.
Er kommt.
So gefällt mir das Ende.