Julia von Lucenec
Autor: Siegfried Wollinger
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Teil 3

Ein Tag mit Herrchen - erzählt von Julie

 Die Morgenzeitung liegt in der Au

Morgens gehen Herrchen und ich durch die Au. Er nennt es einen Spaziergang. Für mich ist es vor allem die Gelegenheit, mich gründlich zu informieren. Meine Zeitung liegt am Boden. Ich lese sie meistens mit gesenktem Kopf. Manche Meldungen sind kurz. Andere muss ich mehrmals prüfen, bevor ich mir ein Urteil erlaube. Herrchen erkennt den Unterschied leider nicht immer. „Na, Julie, liest du wieder Zeitung?“ Natürlich. Was glaubt er denn, weshalb wir hier sind? Über Nacht kann viel geschehen. Jemand ist vorbeigekommen, jemand hat angehalten, und an manchen Stellen haben offenbar mehrere ihre Meinung hinterlassen. Das will sorgfältig gelesen werden. Das Gras ist noch feucht. Zwischen den Bäumen riecht es nach Erde, Wasser und Dingen, für die Menschen keine Wörter haben. Herrchen schaut ins Grün, während ich an einem besonders ausführlichen Artikel arbeite. Wir nutzen unsere Zeit beide recht vernünftig. Wenn ich fertig bin, hebe ich den Kopf und gehe weiter. Bis zur nächsten Meldung. „Wir kommen heute aber nicht weit“, sagt er. Weit ist morgens auch nicht unbedingt nötig. Er ist bei mir, und die Au hat einiges zu berichten. Ein paar Schritte lang gehe ich dicht neben ihm. Dann erreicht mich etwas, das ich unmöglich ungelesen lassen kann. Herrchen bleibt stehen. Er kennt mich.

Fruehstueck gehoert zum guten Morgen

Auf dem Heimweg fällt mir auf, dass gründliche Information hungrig macht. Zum Glück führt unser Weg zur Küche. Ich gehe ein wenig voraus, damit dort niemand den Anlass unserer Rückkehr missversteht. Herrchen bereitet mein Frühstück vor. Ich beobachte ihn. Menschen arbeiten oft zuverlässiger, wenn eine zuständige Fachkraft danebensteht. Als das Futter endlich vor mir steht, widme ich mich der Sache ohne weitere Besprechung. Es schmeckt. Das ist zunächst alles, was gesagt werden muss. Ich prüfe den Rand ebenso sorgfältig wie die Mitte. Ein leerer Napf ist schließlich keine Vermutung, sondern etwas, das man überprüft. Danach sehe ich zu Herrchen auf. Vielleicht gibt es einen Nachschlag. Er streicht mir über den Kopf. Auch gut, wenn auch ernährungsphysiologisch wenig ergiebig. Mit dem letzten Bissen ist der wichtigste Punkt des Vormittags erledigt. Hinter mir hängen die Hunde-Regeln. Dass ich hier zur Familie gehöre, steht sogar schriftlich da. Ich habe es allerdings schon vorher gewusst.

Dienstlich erschoepft

Nach dem Frühstück ziehe ich mich auf meine weiche Decke zurück. Eigentlich müsste ich überlegen, wie der Tag weitergeht. Stattdessen öffnet sich mein Maul zu einem Gähnen, das von ganz hinten kommt und erstaunlich lange braucht. Herrchen lacht. Ich kann nichts Komisches daran finden. Wer schon die gesamte Au gelesen und ordentlich gefrühstückt hat, darf gewisse Ermüdungserscheinungen zeigen. Das ist keine Schwäche. Das ist ein ausgefüllter Vormittag. Ich schließe das Maul und blinzle. Neben mir liegt mein kleiner Plüschfreund. Der sieht ebenfalls nicht so aus, als hätte er heute noch dringende Termine. Wir sind uns da sehr ähnlich. Herrchen sagt etwas von einer Pause. Ich beantworte den Vorschlag mit einem zweiten Gähnen. Manchmal muss man sich deutlich ausdrücken, damit Menschen einen verstehen. Die Sonne fällt ins Zimmer. Mein Bauch ist zufrieden, meine Pfoten werden schwer. Ich lege den Kopf ab und beschließe, dass weitere Entscheidungen ausgeschlafenen Hunden überlassen werden sollten. Gleich werde ich meinen Schlafplatz aufsuchen. Zuerst ruhe ich mich noch ein wenig von der Entscheidung aus.

Eine Runde schlafen

Mein Körper weiß, was jetzt zu tun ist. Auf meinem Kissen steht „Hier schläft Julie“. Gut, dass die Zuständigkeit geklärt ist. Ich drehe mich auf den Rücken und lasse die Pfoten dorthin fallen, wo sie gerade bequem liegen. Herrchen nennt das eine Runde schlafen. Eine erfreulich kurze Runde. Man muss dafür nirgendwohin. Zunächst behalte ich ein Auge offen. Im Haus ist noch Bewegung, und ich möchte nicht den Eindruck erwecken, ich hätte die Aufsicht vollständig abgegeben. Herrchen geht vorbei. Ich höre seine vertrauten Schritte und lasse auch das zweite Auge zufallen. Die Geräusche rücken weiter weg. Für einen Moment ist die Au wieder da, mit ihrem feuchten Gras und jener Stelle, an der ich gern noch länger gelesen hätte. Dann wird selbst dieser Gedanke zu anstrengend. Ich schlafe. Irgendwann bewege ich eine Pfote. Vielleicht bin ich im Traum unterwegs. Vielleicht ordne ich nur meine Zehen. Herrchen muss nicht alles wissen. Als ich wieder aufwache, hat sich das Licht im Zimmer verschoben. Ich strecke mich so gründlich, als hätte ich die Liegefläche selbst entworfen und müsste nun ihre ganze Länge vorführen. Herrchen schaut herüber. „Na, wieder munter?“ Ich wedle. Er darf das als Zustimmung verstehen. Dann sehe ich, dass er etwas mit mir vorhat. Das erkenne ich an seiner Stimme, noch bevor er sich bewegt. Ich stehe auf. Ausgeruht bin ich jetzt. Beschäftigt werden darf ich auch.

Herrchen legt die Latte auf

Draußen warten die Hürden, und Herrchen wird zum Trainer. Er zeigt mir, wo es langgeht. Ich schaue erst auf ihn und dann auf die Stange. Über Hindernisse zu springen, die jemand eigens aufgestellt hat, ist ein etwas umständliches Hobby. Aber wir machen es zusammen, und damit gewinnt die Sache erheblich. Ich laufe an. Für einen kurzen Augenblick sind alle Pfoten in der Luft, dann lande ich auf der anderen Seite. Herrchen lobt mich, als hätte ich soeben eine bedeutende Verkehrsverbindung eröffnet. Ich freue mich trotzdem. Sein Lob klingt auch beim zweiten Sprung noch gut. Wir finden unseren Rhythmus. Er gibt das Zeichen, ich passe auf. Manchmal bin ich schon bereit, während er noch erklärt. Ich bemühe mich um Geduld. Die Zusammenarbeit mit Menschen erfordert Rücksicht. Beim nächsten Hindernis sehe ich kurz zu ihm. Er ist ganz bei mir. Das mag ich an unserem Sport: seine Stimme, die Bewegung, diesen kleinen Moment, in dem wir beide genau dasselbe vorhaben. Dann springe ich. Nach einigen Runden ist Schluss. Herrchen scheint zufrieden. Ich auch. Ich habe mich bewegt, er hat mich bewundert; die Aufgaben waren vernünftig verteilt. Doch er räumt nicht nur auf. Er holt Zeitungspapier und Rollen hervor. Das sieht zunächst nach Haushalt aus. Dann erreicht mich ein Geruch, der die Lage grundlegend verändert. Leckerlis. Ich bleibe zur Verfügung.

Die Zeitung hat jetzt Geschmack

Herrchen versteckt die Leckerlis zwischen zerknülltem Zeitungspapier und in Rollen. Ich beobachte seine Vorbereitungen aufmerksam. Er bemüht sich um Schwierigkeit. Ich bemühe mich, nicht schon während des Aufbaus zu lösen. Dann darf ich suchen. Ich senke die Nase. Das Rascheln ist beträchtlich, die Hinweise sind eindeutig. Unter einer Papierkugel sitzt der erste Fund. Ich schiebe sie zur Seite und nehme meine Belohnung entgegen. Diesmal lässt sich die Zeitung nicht nur lesen. Man wird dabei auch satt. Eine Rolle ist hartnäckiger. Ich stupse sie an, sie kullert davon. Ich folge ihr. Herrchen schaut zu, als verfolge er einen spannenden Krimi. Dabei kenne ich den Täter längst. Er sitzt vor mir und hat die Leckerlis versteckt. Ich probiere es von der anderen Seite. Jetzt. Der nächste Bissen gehört mir. Das Papier sieht mittlerweile deutlich weniger ordentlich aus als zu Beginn. Dafür ist sein Inhalt wesentlich besser erschlossen. Bevor ich aufhöre, prüfe ich alles noch einmal. Herrchen meint, ich hätte schon sämtliche Leckerlis gefunden. Eine solche Aussage sollte man nicht ungeprüft übernehmen. Erst als meine Nase zustimmt, hebe ich den Kopf. Während er das Papier zusammensammelt, trinke ich etwas. Dann höre ich die Vorbereitungen zum Aufbruch. Ein Ausflug steht an. Ich gehe zu ihm und sehe nach oben. Für schöne Umgebung bin ich zu haben. Sie darf gern auch interessant riechen.

Zeit fuer schoene Aussichten

Nach dem Suchspiel geht es hinaus in eine Umgebung, in der Herrchen sofort langsamer wird. Vor uns liegen grüne Hänge, dahinter Berge, und unten glitzert ein See. Ich stelle mich auf einen Felsen und sehe mich um. Man möchte ja wissen, weshalb die Menschen plötzlich so wenig reden. Es ist tatsächlich schön hier. Die Luft bewegt mein Fell und bringt Gerüche mit, die es daheim nicht gibt. Herrchen schaut in die Ferne. Ich prüfe auch die nähere Umgebung. Schönheit beginnt für mich häufig direkt vor den Pfoten. Neben uns steht eine Bank. Herrchen gönnt sich einen Moment, und ich bleibe bei ihm. Wir haben gerade nichts nachzuholen und müssen niemandem beweisen, wie weit wir heute kommen. Das gefällt mir. Als er mich ansieht, wedle ich kurz. Er lächelt. Damit ist alles Wichtige besprochen. Dann gehen wir weiter. Ich bin ausgeruht genug für neue Wege und neugierig genug für beinahe alles. Bald hören wir Stimmen. Dazu kommen Gerüche, die eindeutig von Hunden stammen. Die Aussicht war ausgezeichnet. Jetzt bietet sich offenbar auch noch Gelegenheit zu einem persönlichen Gedankenaustausch.

Gedankenaustausch auf Hundisch

Wir treffen andere Hunde, und die Begrüßung beginnt ohne Tagesordnung. Erst wird geschnuppert. Man möchte schließlich wissen, mit wem man spricht. Die Menschen setzen sich im Hintergrund zusammen. Wir bleiben auf der Wiese und kommen direkt zum Wesentlichen. Ein Schritt zur Seite, ein gespitztes Ohr, eine Einladung zum Spielen: Man erfährt erstaunlich viel, wenn man aufpasst. Bald liege ich mitten in der Runde auf dem Rücken, während die anderen sich um mich versammeln. Gedankenaustausch darf bequem sein. Wir besprechen die Lage mit Nasen und Pfoten. Wer war wo unterwegs? Was riecht interessant? Und wer hat möglicherweise noch etwas Essbares übersehen? Nicht jedes Ergebnis gehört hier ins Buch. Ein bisschen Diskretion muss sein. Zwischendurch schaue ich nach Herrchen. Er ist noch da und sieht zufrieden aus. Ich finde es angenehm, dass er sich während meiner Gespräche selbst beschäftigen kann. Als wir weiterziehen, komme ich zu ihm zurück. Er legt mir kurz die Hand ans Fell. Ich habe Neues erfahren und mich amüsiert. Nun möchte ich wieder mit ihm unterwegs sein. Der Weg ist noch nicht zu Ende. Hinter der nächsten Biegung könnte schließlich etwas stehen. Oder liegen.

Eine Begegnung mit Haltung

Es liegt tatsächlich etwas am Wegrand. Zuerst sehe ich nur eine Bewegung zwischen den Halmen. Ich halte inne. Dann richtet sich eine Schlange vor uns auf. Das ist überraschend viel Haltung für jemanden ohne Beine. Meine Ohren gehen nach vorn. Eben war ich noch mit alltäglichen Gerüchen beschäftigt, nun ist meine ganze Aufmerksamkeit an einer einzigen Stelle. Die Schlange bleibt aufgerichtet. Ich bleibe ebenfalls stehen. Wir haben offenbar beide keine Lust auf einen unüberlegten nächsten Schritt. Herrchens Stimme kommt ruhig von meiner Seite. „Julie, komm.“ Er hält mich bei sich, und wir weichen ein Stück zurück. Ich gehe mit. Aus dieser Entfernung lässt sich die Lage ausgezeichnet beurteilen. Man muss einer Sache nicht auf die Nase rücken, um Interesse zu zeigen. Eine Weile scheint alles stillzustehen. Dann senkt sich die Schlange und verschwindet zwischen den Pflanzen. Ich schaue ihr nach. Herrchen atmet hörbar aus und streicht mir über den Rücken. Selbstverständlich hatte ich die Lage unter Kontrolle. Es war lediglich angenehm, dass er sich ebenfalls darum kümmerte. Wir setzen unseren Weg mit etwas mehr Abstand zum Grasrand fort. Meine Nase arbeitet wieder, aber zwischendurch sehe ich zu ihm hoch. Er ist direkt neben mir. Nach einer solchen Begegnung fällt einem das besonders auf. Bald wird mein Schritt wieder locker. Der Wind bewegt die Blätter, irgendwo knackt ein Zweig. Ich hebe den Kopf. Diesmal wartet zwischen den Bäumen jemand, der ganz anders in die Welt schaut.

Das Reh zwischen den Baeumen

Ein Reh steht ein Stück entfernt im Grün. Seine Ohren sind aufgerichtet. Meine auch. Wir sehen uns an. Herrchen bleibt mit mir stehen. Niemand drängt weiter. Nach der Schlange kommt mir diese Begegnung angenehm übersichtlich vor: vier Beine, etwas Abstand, keinerlei Bedarf an einer Diskussion. Das Reh beobachtet uns. Ich beobachte das Reh. Herrchen beobachtet vermutlich uns beide. Für einen Moment sind alle ausreichend beschäftigt, obwohl sich kaum jemand bewegt. Ich belle nicht. Ich muss auch nicht näher hin. Da steht ein anderes Tier zwischen seinen Bäumen, und ich stehe mit meinem Menschen auf unserem Weg. Es ist genug, dass wir einander bemerkt haben. Dann wendet das Reh den Kopf. Es macht ein paar leichte Schritte und verschwindet, fast so leise, als hätte der Wald es wieder zu sich genommen. Ich schaue noch eine Weile auf die Stelle. Dort ist jetzt nur Grün. „Schön war das“, sagt Herrchen leise. Ich sehe zu ihm auf. Ja. Ausnahmsweise ist seiner Zusammenfassung nichts hinzuzufügen. Wir gehen weiter, und ich bleibe zunächst dicht an seiner Seite. Später finde ich wieder eine interessante Spur. Das Leben geht schließlich weiter, auch nach einem schönen Augenblick. Aber irgendwie nehmen wir ihn mit. Herrchen wirkt zufrieden. Ich fühle mich ebenfalls so, obwohl es bei dieser Begegnung überhaupt kein Leckerli gegeben hat.

Heimfahrt im eigenen Koerbchen

Als wir das Auto erreichen, bin ich bereit für eine bequemere Form der Fortbewegung. Mein Körbchen wartet schon. Ich nehme meinen Platz ein und schaue noch einmal hinaus. Die Gegend war schön. Sie darf nun ohne mich weitermachen. Herrchen verstaut die Sachen. Ich kontrolliere von meinem Platz aus, ob er auch wirklich mitkommt. Dann wird die Klappe geschlossen, und wenig später fahren wir heim. Das vertraute Brummen begleitet uns. Hinter uns bleiben die Wege, die Hunde und die Stelle mit der Schlange. Bei diesem letzten Gedanken lege ich den Kopf etwas bequemer hin. Abenteuer lassen sich sitzend sehr gut nachbetrachten. Unterwegs öffne ich ab und zu die Augen. Herrchen ist da. Das Auto riecht nach uns und nach dem Ausflug. Mehr muss ich im Moment nicht überprüfen. Ich denke an das Reh, solange Denken noch möglich ist. Dann werde ich schläfrig. Nach einem solchen Tag darf die Landschaft auch einmal an mir vorbeigehen, statt umgekehrt. Als wir ankommen, bin ich selbstverständlich rechtzeitig wach. Ich kenne die kleinen Veränderungen vor dem Stillstand. Zuhause hat seinen eigenen Klang. Ich steige aus und betrete unser vertrautes Reich. Alles scheint an seinem Platz. Dennoch steht noch eine Aufgabe aus. Morgens habe ich die Nachrichten der Au gelesen. Für einen vollständigen Überblick fehlt mir nun die Abendausgabe.

Die Abendausgabe des Hunde Kuriers

Daheim bekomme ich die Brille aufgesetzt, und vor mir liegt der Hunde-Kurier. Herrchen findet das entzückend. Ich bemühe mich um einen seriösen Gesichtsausdruck. Wer die Presse verkörpert, hat eine gewisse Verantwortung. „Die schönsten Ausflugsziele mit Hund“, lese ich. Dazu könnte ich heute etwas beitragen. Unter „Leckerli mit Sinn“ geht es um Suchspiele. Endlich behandelt eine Zeitung die Fragen, die ihre Leser wirklich bewegen. Auch Hundetreffen und Freundschaft haben ihren Platz. Ich schaue über den Rand meiner Brille zu Herrchen. Er hat offenbar eine Ausgabe ausgewählt, die meinen Interessen entgegenkommt. Lediglich ein ausführlicher Bericht über das Abendessen fehlt. Beim Thema Wald denke ich an das Reh und an die Schlange. Auf Papier wirken Abenteuer ausgesprochen übersichtlich. Draußen richten sie sich gelegentlich vor einem auf. Herrchen lacht über meinen prüfenden Blick und nimmt mir später die Brille wieder ab. Meine Nase bevorzugt ohnehin die Ausgabe aus der Au. Sie erscheint täglich frisch und liefert mehr Einzelheiten. Nun aber riecht es nach Essen. Ich lasse die Zeitung zurück. Gut informiert bin ich bereits. Gut gefüttert zu sein, ist der nächste vernünftige Schritt.

Ein Napf mit meinem Namen

Mein Abendessen wartet in einem Napf, auf dem mein Name steht. Das begrüße ich. So entstehen erst gar keine Unklarheiten darüber, wem der Inhalt gehört. Herrchen nennt es Abendessen. Ich nenne es die gerechte Entlohnung für einen anstrengenden Arbeitstag. Ich habe gelesen, trainiert, gesucht, Kontakte gepflegt und mich einer unerwarteten Begegnung gestellt. Angesichts dieser Bilanz darf man eine ordentliche Portion erwarten. Ich lasse es mir schmecken. Herrchen ist in der Nähe, das Licht im Zimmer ist warm, und diesmal versteckt niemand etwas in einer Rolle. Das vereinfacht den Ablauf angenehm. Neben mir liegt mein Plüschfreund im Körbchen. Er schaut zu. Zum Glück hat er andere Ernährungsgewohnheiten. Teilen ist eine schöne Sache, solange man vorher darüber gesprochen hat. Als ich fertig bin, prüfe ich den Napf ein letztes Mal und lecke mir übers Maul. Jetzt ist wirklich alles erledigt. Herrchen streicht mir über den Rücken. Ich bleibe einen Moment bei ihm stehen. Dann höre ich den Fernseher. Ich gehe ins Wohnzimmer und suche meinen Lieblingsplatz auf. Wer den ganzen Tag aufmerksam war, darf am Abend auch einmal andere für die Unterhaltung sorgen lassen.

Naturdoku vom Lieblingsplatz

Ich mache es mir auf dem Sofa bequem. Die Decke liegt richtig, mein kleiner Freund ist neben mir, und eine Pfote ruht auf der Fernbedienung. Über die Programmgestaltung sollten keine Zweifel aufkommen. Es läuft eine Naturdokumentation. Auf dem Bildschirm steht ein Hirsch mit einem beachtlichen Geweih. Nach unserem Reh im Wald wirkt das wie die ausführlichere Abendausgabe. Ich schaue eine Weile zu und prüfe kurz mit der Nase. Nichts. Fernsehen ist für Menschen offenbar deshalb so bequem, weil man dabei auf die Hälfte der Informationen verzichtet. Herrchen sitzt in meiner Nähe. Ich lasse die Pfote auf der Fernbedienung liegen. Umschalten wäre jetzt unnötige Unruhe. Der Hirsch beschäftigt sich mit seinem Wald, Herrchen mit dem Film, und ich damit, möglichst bequem zu liegen. Die Stimme aus dem Fernseher wird allmählich unwichtiger. Draußen ist es dunkel geworden. Ich lehne mich in die weiche Decke und spüre, wie die Müdigkeit zurückkommt. Sie kennt den Weg zu mir ausgezeichnet. Schließlich gähne ich, ausgiebig und ohne Rücksicht auf das laufende Programm. Herrchen versteht. „Na, Julie, gehen wir schlafen?“ Ich brauche einen Augenblick, bis sich meine Pfoten dieser vernünftigen Anregung anschließen.

Gute Nacht mit Schlafmuetzchen

Im Bett wartet schon mein kleiner Plüschfreund. Ich kuschle mich neben ihn, und Herrchen zieht die Decke zurecht. Damit wäre ich eigentlich vollständig versorgt. Doch heute gehört noch ein Schlafmützchen dazu. Es ist weich, hat Sterne und einen Bommel. Ich trage es mit Würde, soweit das mit einer Schlafmütze möglich ist. Herrchen lächelt. Wenn ihm dieser Anblick Freude macht, kann ich den Bommel eine Weile vertreten. Dann muss ich gähnen. So gründlich, dass dabei fast der ganze Tag noch einmal Platz hat. Der Morgenspaziergang, die Hürden und der Ausflug sind jetzt weit weg. Mein Kopf möchte nur noch auf das Kissen. Herrchen streicht mir über die Stirn. Ich schaue zu ihm hoch und bin für einen Augenblick wieder ganz wach. Seine Hand bleibt noch ein wenig da. Ich schiebe mich näher an meinen kleinen Freund. „Gute Nacht, Julie.“ Ich seufze. Nicht, weil etwas fehlt. Sondern weil ich jetzt liegen kann und nichts mehr von mir verlangt wird. Das Licht wird gedämpft. Seine Schritte entfernen sich ein wenig. Ich höre sie noch, während ich die Augen schließe.

Epilog

Bevor ich ganz einschlafe, ist der Tag noch einmal da. Nicht in der richtigen Reihenfolge. So ordentlich bin ich im Kopf um diese Uhrzeit nicht mehr. Ich spüre das Gras an meiner Nase und Herrchens Hand auf meinem Rücken. Irgendwo raschelt Zeitungspapier. Das Reh steht still zwischen den Bäumen. Und immer wieder ist Herrchen in der Nähe: wartend, während ich schnuppere; lachend, wenn ich meine Arbeit besonders ernst nehme; ruhig, als mir die Schlange begegnet. Er wird vielleicht sagen, wir hätten einen schönen Ausflug gemacht. Ich werde mich auch daran erinnern, dass er morgens stehen geblieben ist, obwohl ich schon an der dritten Stelle wieder etwas lesen musste. Für ihn war das vermutlich nichts Besonderes. Für mich war es Zeit, die er mir gelassen hat. Ich kenne seine Schritte und die Art, wie er meinen Namen sagt. Er merkt, wann ich losmöchte und wann ich nur einen Platz in seiner Nähe suche. Wir verstehen längst nicht alles voneinander. Er übersieht weiterhin wichtige Nachrichten am Wegrand. Ich werde nie begreifen, weshalb ein Mensch Essen aufheben kann, obwohl es jetzt schon da ist. Aber bei den Dingen, auf die es ankommt, finden wir uns zurecht. Heute war genug da. Bewegung und Ruhe, etwas zu entdecken, ein voller Napf. Und jemand, zu dem ich nach jeder kleinen Erkundung zurückgehen konnte. Ich strecke eine Pfote unter der Decke hervor. Herrchen ist noch wach. Als er sich bewegt, öffne ich kurz die Augen. Er schaut zu mir herüber. Ich lasse den Kopf wieder sinken. Morgen liegt eine neue Zeitung in der Au. Ich werde sie gründlich lesen müssen. Wahrscheinlich wird er wieder warten. Für heute weiß ich alles, was ich wissen muss. Wir sind daheim.

Julie und das Glueck der kleinen Dinge