Julia von Lucenec
Autor: Siegfried Wollinger
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Tei

Julie – ein kleines Hundeleben voller großer Abenteuer

Ein Platz in der Waerme

Manchmal beginnt eine große Geschichte ganz leise. Mit einem Foto auf einer Homepage. Mit einem Blick, bei dem man hängen bleibt. Und mit dem Gedanken, dass dieses kleine Wesen nicht länger in der Kälte sitzen soll. So beginnt die Geschichte von Julie und ihrem Herrchen. Nach dem Tod seines vorherigen Hundes war er in ein tiefes Loch gefallen. Wer lange mit einem Hund gelebt hat, kennt die vielen Stellen, an denen er plötzlich fehlt: beim Aufbrechen, beim Heimkommen, in den Stunden dazwischen. Einen neuen Hund zu suchen bedeutete nicht, die früheren Gefährten zu vergessen. Aber vielleicht konnte wieder jemand da sein, mit dem sich ein Tag teilen ließ. Auf der Homepage von Animalhope fand er Julie. Sie war in der Auffangstation in Lučenec in der Slowakei. Es war kalt. Seine Familie hatte Bedenken: Einen Hund aufnehmen, den man noch gar nicht kannte? Er verstand die Sorge. Trotzdem stand für ihn bald fest, dass er Julie nicht dort lassen wollte. Am 13. Dezember 2015 wurde sie ihm in Wien übergeben. Nun war aus dem Foto ein wirklicher Hund geworden: scheu, verfloht und verunsichert. Was Julie vor dieser Begegnung alles erlebt hatte, lässt sich hier nicht erzählen. Ihr Herrchen wusste, dass sie viel mitgemacht hatte. Nun sollte etwas anderes beginnen. Zunächst wurde Julie gebadet. Es war ein sehr praktischer Anfang für eine Beziehung, die einmal so viel bedeuten würde. Noch keine großen Ausflüge, noch kein fröhliches Rennen über einen Hundeplatz. Erst einmal sauber werden. Das neue Daheim kennenlernen. Ein Körbchen haben. Menschen um sich, deren Stimmen und Bewegungen noch fremd waren. Vertrauen war nicht einfach mit eingezogen. Es konnte nicht zusammen mit dem neuen Hund übergeben werden wie eine Leine. Es musste wachsen. Julie begann langsam aufzutauen, sehr langsam, wie ihr Herrchen später schrieb. Gerade dieses langsame Tempo gehört zu ihrem Anfang. Sie musste nicht vom ersten Tag an die selbstbewusste Julie sein, die ihre Familie später kannte. Vielleicht hätte sie damals, wenn sie Worte gehabt hätte, nur eine kleine Frage gestellt: „Darf ich erst einmal schauen?“ Und in all dem, was nun folgte, lag die Antwort ihrer Menschen: Ja. Du darfst schauen. Du darfst dich eingewöhnen. Du darfst bleiben. Für ihr Herrchen hatte die Entscheidung mit dem Wunsch begonnen, einen Hund aus der Kälte zu holen. Dass damit auch in sein eigenes Leben wieder Wärme einzog, zeigte sich nicht in einem einzigen großen Augenblick. Es zeigte sich in den nächsten Tagen. Und dann immer wieder.

Langsam kam Leben ins Haus

Schon ab dem zweiten Tag gingen Julie und ihr Herrchen vormittags und nachmittags jeweils eine Stunde spazieren. Draußen gab es Spuren, Gerüche und offenbar eine ganze Welt, die auf eine gründliche Untersuchung wartete. Julie schnüffelte interessiert. Sogar die Mäusejagd begann sie zu beschäftigen. Aus der zurückhaltenden Neuankömmlingin kam nach und nach eine neugierige Hündin zum Vorschein. Diese Neugier machte allerdings an der Haustür nicht halt. Am Adventkranz fanden sich Dinge, die Julie offenbar anders verwenden wollte als ihre Menschen. Die Dekoration wurde gestohlen und zernagt, später kamen auch die Sterne an die Reihe. Kaum drehte sich ihr Herrchen um, ging die Arbeit weiter. Man könnte sich ihren unschuldigen Kommentar dazu vorstellen: „Ihr habt das aber auch sehr erreichbar dekoriert.“ Auch ihr erstes Brustgeschirr überstand die Bekanntschaft mit Julie nicht lange. Ihr Herrchen hatte ihr eines gekauft und umgelegt, ohne zu bedenken, dass sie so etwas noch nicht kannte. Daheim war es bereits völlig durchgenagt. Er nahm es auf seine Kappe: seine Schuld, ein neues musste her. Später gewöhnte sich Julie daran. Am Anfang lernten eben beide – und manche Unterrichtsstunde wurde im Geschäft bezahlt. Dann war da noch der große Blumentopf im Wohnzimmer. Julie stellte sich auf die Hinterpfoten, schnupperte hinein und warf ihn um. Die Schlingpflanze, die sich bereits durch das halbe Zimmer gezogen hatte, riss ab. Damit war der heimische Dschungel schlagartig kleiner geworden. Für die Pflanzenfreundin im Haus war das wenig erfreulich. Ihr Herrchen nahm es mit jener Mischung aus Seufzen und Humor, die im Zusammenleben mit Julie noch öfter nützlich werden sollte. Nicht jede Entdeckung war harmlos. Als Julie eines Tages statt durch die Gartentür zu den benachbarten Pferden lief, reagierte sie nicht auf sein Rufen. Ein Pferd schlug aus und streifte ihr linkes Bein. Ihr Herrchen musste um die Koppel herumlaufen, um zu ihr zu gelangen; die erschrockene Julie entzog sich ihm zunächst. Eine Reiterin half bei der Suche und brachte sie schließlich zu ihm zurück. Nichts war gebrochen, doch Julie hinkte noch einige Tage. Die Erleichterung ihres Herrchens war groß. Seitdem mied sie die Pferde. Diese Episode braucht keine lustige Pointe. Sie erinnert daran, wie schnell Neugier in Gefahr geraten kann – und wie kostbar der Augenblick ist, in dem man seinen Hund wieder sicher bei sich hat. Mit der Zeit wurde das Zusammenleben ruhiger. Nicht alles musste mehr mit den Zähnen untersucht werden. Es gab Spielzeug, Beschäftigung und Menschen, die sich um Julie kümmerten. Aus den ersten turbulenten Wochen entstand allmählich ein gemeinsamer Alltag. Ein vollkommen stiller Haushalt war damit freilich nicht versprochen. Schließlich wohnte jetzt Julie hier.

Zwei Schueler auf dem Hundeplatz

Im Jänner 2016 kam die Hundeschule dazu. Es war kalt. „Nein, es war saukalt“, schrieb ihr Herrchen. Normalerweise ging er bei solchen Temperaturen nur hinaus, wenn es sein musste. Nun musste es eben sein: Julie war lebhaft, wollte beschäftigt werden und brauchte Aufgaben. Also zog er mit ihr los. Die Trainerin hieß Julia – beinahe eine Namensvetterin ihrer Schülerin. Julie lernte schnell, und Julia war begeistert. Trainiert wurde in Einzelstunden, damit andere Hunde nicht sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zogen. Denn zwischen einem Grundkommando und einem möglichen Spielkameraden fiel Julies innere Abstimmung vermutlich ausgesprochen lebhaft aus. Abrufen, Schleppleine, Grundkommandos: Schritt für Schritt übten sie miteinander. Ihr Herrchen trotzte der Kälte, Julie war voller Begeisterung dabei. Wenn sie später eine kleine Schulgeschichte hätte verfassen dürfen, hätte darin vielleicht gestanden: „Ich habe fleißig gelernt. Herrchen hat fleißig gefroren. Wir waren beide sehr beschäftigt.“ Nach der Hundeschule ging es mit Agility weiter. Ihr Herrchen kaufte Geräte und baute im Garten einen Parcours auf. Das passte zu Julies Temperament. Hier gab es Bewegung und Aufgaben, die sie gemeinsam bewältigen konnten. Gemeinsam ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen: Er musste, mit Leckerlis bewaffnet, bei jedem Hindernis mitlaufen. Er gab selbst zu, dass er nicht immer konsequent genug war. Julie dürfte gegen ein Training mit persönlicher Begleitung und kleinen Belohnungen wenig einzuwenden gehabt haben. Man kann sich ihre Sicht der Dinge gut vorstellen: „Ich mache die Hindernisse. Du machst den Service. Ein ausgezeichnetes Team.“ Auch abseits des Parcours war ihr Einfallsreichtum gefragt. Unter leeren Joghurtbechern und an verschiedenen Stellen versteckte ihr Herrchen Leckerlis. Julie suchte – und fand sie. Im Haus gab es mit Zeitungspapier verschlossene Papprollen, in deren Innerem die Belohnung wartete. Das Papier musste heraus, dann kam sie an die Gutzis. Besonders überzeugend war der Futterbeutel mit kleingeschnittenen Frankfurtern. Julie verstand rasch: Wer den Beutel zurückbringt, bekommt etwas daraus. Eine Spielregel von bestechender Klarheit. Daneben gab es Plüschtiere und einen Tennisball, Rennen im Garten und die Aufforderung, doch bitte noch einmal zu werfen. Bei all diesen Spielen entstand mehr als Geschicklichkeit. Ihr Herrchen lernte, Julie zu lesen, und Julie lernte, sich an ihm zu orientieren. Er war nicht nur der Mensch am anderen Ende der Leine. Er wurde ihr Partner. Einer, der mitlief, mitdachte und manchmal auch ein wenig außer Atem geriet. Aus dem vorsichtigen Kennenlernen wurde eine Beziehung mit eigenen Gewohnheiten – und einer erstaunlich guten Versorgung mit kleinen Belohnungen.

„Nicht schon wieder!“

Wer schon Hunde verloren hat, hört manchmal genauer hin, wenn der nächste sich anders verhält. Julies Herrchen kannte diese Sorge. Luna und Kira fehlten ihm, und nun achtete er bei Julie auf jede kleine Veränderung. Etwa zwei Monate nach ihrer Ankunft ließ er ihr Blut untersuchen. Das Ergebnis brachte einen Verdacht auf Herzwürmer. „Nicht schon wieder!“ Dieser Gedanke traf ihn mit voller Wucht. Gerade hatte er wieder einen Hund aufgenommen. Gerade begann die kleine Hündin aus der Slowakei, ihren Platz in seinem Leben zu finden. Nun folgten eine weitere Blutabnahme, genauere Tests und das bange Warten auf die Ergebnisse. Dann kam die Entwarnung: Der Verdacht bestätigte sich nicht. Die entsprechenden Tests waren negativ. Für ihr Herrchen war das ein Aufatmen, das sich nicht mit einem nüchternen Laborbefund beschreiben lässt. Zur Untersuchung gehörte auch eine Harnprobe. Und hier nahm die ernste Geschichte einen sehr menschlichen Umweg. Ihr Herrchen lief Julie mit einem Schöpflöffel hinterher, bereit für den entscheidenden Moment. Man kann sich ausmalen, was Julie davon gehalten haben könnte: „Früher haben wir beim Spaziergang einfach geschnüffelt. Jetzt hat er Küchengerät dabei.“ Es gelang ihm tatsächlich, die Probe aufzufangen. Auch der Harntest brachte Entwarnung. Gefunden wurden Giardien, die behandelt wurden. Später blieb die Verdauung zunächst noch ein Thema, obwohl ein weiterer Test negativ war. Nach einer Futterumstellung berichtete ihr Herrchen, dass sich die Beschwerden gelegt hatten. Für diese Geschichte zählt vor allem die Geduld dahinter: beobachten, abklären lassen und herausfinden, was Julie guttat. Bei einem Aufenthalt in Kirchberg am Wechsel fiel ihm erneut etwas auf. Julie schüttelte beim Spaziergang im kalten Wind immer wieder den Kopf und legte ihr linkes Ohr an. Er ließ sie in der Tierklinik untersuchen. Eine Entzündung wurde nicht festgestellt, wohl aber ein kleines Gewächs an der Innenseite der Ohrmuschel. Nach der Behandlung und der regelmäßigen Pflege zu Hause war es nach zwei Wochen verschwunden, wie er später erzählte. Auch eine Halsentzündung, ein Pilz an der Schnauze und ein Hundebiss gehörten zu den Erfahrungen, an die er sich erinnerte. Nicht jeder Tag war leicht. Doch Julie hatte Menschen, die hinsahen, wenn etwas nicht stimmte, und sich kümmerten. Ihre Geschichte soll bei diesen Sorgen nicht stehen bleiben. Sie gehören hinein, weil zur Liebe auch die unruhigen Stunden gehören. Danach darf wieder Platz sein für einen Spaziergang, ein Spiel und einen ganz gewöhnlichen Tag. Gerade gewöhnliche Tage können nach einer Entwarnung wunderbar sein.

Freunde mit vier Pfoten

Über ein Hundeforum lernte Julies Herrchen Simone und ihren Hund Sam kennen. Sam sah Julie so ähnlich und hatte ein so vergleichbares Temperament, dass die Menschen eine Verwandtschaft vermuteten. Ob die beiden Geschwister waren, blieb offen. Für die Hunde war die Familienforschung offenbar keine dringende Angelegenheit. Beim ersten Besuch im Juni wurde im Garten getobt und gespielt. Als Simone im August mit Geri und Sam zu Besuch kam, ging es genauso lebhaft weiter. Selbst die Hitze bremste die beiden kaum. Simone sorgte zwischendurch für Abkühlung: Sam sprang begeistert in die Piesting. Julie blieb lieber am Ufer. Freundschaft bedeutete schließlich nicht, jede Vorliebe teilen zu müssen. Auch dieses Gartenfoto bewahrt etwas von der Bewegung, die Hundebegegnungen in Julies Leben brachten. Da braucht es keinen Stammbaum und keinen feierlichen Anlass. Ein anderer Hund ist da, auf der Wiese ist Platz, und schon hat der Tag eine neue Beschäftigung. Ein weiterer Freund war Anuk, der zu Besuch kam und inzwischen verstorben ist. Sein Platz in Julies Geschichte bleibt. Nicht als große traurige Szene, sondern als Erinnerung an einen Hund, der zu ihrem Leben gehörte. Sam, Anuk und Cookie gehörten auf unterschiedliche Weise zu Julies Leben – und jeder von ihnen hat seinen eigenen Platz in diesen Erinnerungen. Julies Welt wurde größer. Menschen, Hunde, neue Begegnungen: Aus der scheuen Ankunft entwickelte sich ein Leben, in dem immer mehr Vertrautes wartete. Und manchmal wartete einfach jemand, mit dem man spielen konnte. Das allein ist für einen guten Tag schon ziemlich viel.

Das Wasser und die weite Welt

Mit dem Wasser hatte Julie eine besondere Geschichte. Am 26. Dezember 2015 spazierte sie mit ihrem Herrchen am Neubach entlang. Es war für die Jahreszeit mild. Julie beobachtete die Enten – und sprang plötzlich hinein. Eine Ente erwischte sie nicht. Nass wurde sie dafür gründlich. Die beiden gingen rasch nach Hause; eine Verkühlung blieb ihr zum Glück erspart. Danach hielt sie meist Abstand. Ein kurzer Satz ins seichte Wasser kam vor, gefolgt von einem ebenso raschen Rückzug. Sam und auch Anuk, der Dalmatiner-Mix eines befreundeten Ehepaars, waren da ganz anders. Anuk ließ kaum eine Gelegenheit zum Baden aus. Auf dieser Aufnahme reicht Julies Neugier immerhin bis an den Wasserrand. Vor ihr zieht ein Tier durchs Wasser, und ihre Aufmerksamkeit gehört ihm ganz. Man könnte ihr einen vorsichtigen Gedanken in den Mund legen: „Ich schaue ja nur. Von Schwimmen war keine Rede.“ Nicht jeder Blick aufs Wasser muss mit einem großen Sprung enden. Mit Anuk und dessen Menschen ging es auch nach Kroatien. Während er kaum aus dem Meer zu bringen war, hüpfte Julie nur kurz ins Seichte und gleich wieder heraus. Die weite Welt durfte interessant sein, ohne dass sie deshalb plötzlich eine Wasserratte werden musste. Das Wichtigste an solchen Reisen war ohnehin etwas anderes: Julie fuhr mit. Ihr Herrchen mied Orte, an denen sie nicht willkommen war. Aus dem Zuhause, das er ihr gegeben hatte, war ein gemeinsames Leben geworden, das sich auch unterwegs fortsetzte. Neue Wege, neue Gerüche – und der vertraute Mensch dabei. Für das große Abenteuer Urlaub war das eine sehr gute Grundlage.

Verhandlungen mit der Katze

Nicht alle Begegnungen ließen sich so einfach in gemeinsames Herumtoben übersetzen. Katzen brachten eine eigene Art von Spannung mit. Auf diesem Foto steht Julie im Geschirr vor einer schwarz-weißen Katze, die ihren Platz auf dem Pflaster eingenommen hat. Die Leine ist zu sehen. Beide Tiere sind einander zugewandt. Mehr muss zunächst gar nicht geschehen. Was hier tatsächlich gedacht wurde, bleibt das Geheimnis der beiden. Für einen kleinen erfundenen Dialog bietet die Szene allerdings wunderbaren Stoff. Julie vielleicht: „Guten Tag. Ich würde Sie gern näher kennenlernen.“ Die Katze möglicherweise: „Ihr Anliegen ist eingelangt. Bleiben Sie bitte dort.“ Diese gedachte Unterhaltung passt zu der neugierigen Julie, die ihr Herrchen beschrieb. Alles musste erkundet werden. Eine Katze war damit noch lange kein Spielkamerad, aber gewiss ein guter Grund, genauer hinzusehen. Gerade solche kleinen Unterbrechungen machten die Spaziergänge reich. Nicht nur Strecke zurücklegen, sondern wahrnehmen, warten, weitergehen. Ihr Herrchen nannte die Runden „Zeitung lesen“. Julie las mit der Nase. Und gelegentlich saß eine besonders interessante Nachricht mitten auf dem Pflaster und schaute zurück.

Ein Jahr. Und dann zehn.

Am Anfang war der 13. Dezember der Tag gewesen, an dem Julie übergeben wurde. Ein Datum voller Ungewissheit und Hoffnung. Ein Jahr später hatte es eine neue Bedeutung: Julie gehörte seit zwölf Monaten zur Familie. Ihr erster Jahrestag im neuen Heim durfte gefeiert werden. Wie viel Alltag zwischen diesen beiden Dezembertagen lag! Spaziergänge und Übungen, zerlegte Dinge und gefundene Leckerlis, Sorgen und Erleichterung. Vor allem aber viele kleine Wiederholungen: miteinander hinausgehen und miteinander zurückkommen. Aus dem fremden Haus war ein vertrauter Ort geworden. Das lässt sich nicht an einem einzelnen Kunststück messen. Es steckt in der Selbstverständlichkeit, mit der ein Hund irgendwann dazugehört. Auch Weihnachten 2016 gehört in diese erste gemeinsame Zeit. Nicht als großes Bühnenstück, sondern als Teil des Familienlebens. Ein Hund muss die Bedeutung eines Festes nicht kennen, um mitten darin seinen Platz zu haben. Während Menschen auf das Jahr zurückblicken, liegt für ihn vielleicht das wichtigste Glück ganz nah: ein vertrauter Mensch, etwas zum Beschäftigen und ein Ort zum Ausruhen. Dann kam der erste Schnee, von dem die Fotos in der früheren Unterhaltung erzählten, und im Frühjahr 2017 ein Geschenk von besonderem Format: Julie bekam einen ganzen Karton voller Plüschtiere. Man stelle sich diese Auswahl aus Hundesicht vor. Nicht bloß ein neues Spielzeug. Ein Sortiment! Die Frage war nun wohl nicht mehr, ob sich etwas zum Spielen finden ließe, sondern womit man anfangen sollte. Vielleicht hätte Julie dazu sehr sachlich erklärt: „Ich muss erst den gesamten Inhalt prüfen. Das ist keine Unordnung, das ist eine wichtige Aufgabe.“ Zu ihrer Freude am Rennen mit einem Plüschtier im Maul passte dieses Geschenk jedenfalls ausgezeichnet. Ihr Herrchen hatte schon beschrieben, wie sie ihn immer wieder zum Werfen aufforderte. Mit einem Karton Nachschub gingen die Beschäftigungsmöglichkeiten so bald nicht aus. Die Geschichte sprang nicht plötzlich vom ersten zum zehnten Jahrestag. Dazwischen lag das Leben: die vielen Tage, für die man keinen eigenen Kapiteltitel findet. Und doch sind es gerade sie, aus denen zehn gemeinsame Jahre entstehen. Schließlich wurde auch Julies zehnter Jahrestag bei ihrer Familie gefeiert. Zehn Jahre seit dem Ankommen. Wie viel in dieser Zahl steckt, können die Menschen ermessen, die dabei waren. Aus der Entscheidung, eine scheue Hündin aufzunehmen, war eine lange gemeinsame Geschichte geworden. Julie musste keine Jahreszahlen verstehen. Der Sinn eines solchen Festes lag bei ihren Menschen: Wir sind froh, dass du zu uns gekommen bist. Und wenn Julie selbst einen Beitrag zur Feier hätte vorschlagen dürfen, wäre er vermutlich erfreulich unkompliziert ausgefallen: weniger Rückblick, mehr Festessen. Auch das wäre eine durchaus würdige Form der Dankbarkeit gewesen.

Eine Dame mit eigenen Ansichten

Zu Julies wirklichem Leben gehörten auch die Besuche im Schönheitssalon. Zwischen Hundeschule, Garten und Spazierwegen darf eine solche Alltagsszene ihren Platz haben. Die Hündin, die nach ihrer Ankunft zuerst einmal gebadet werden musste, bekam nun auch ihr Pflegeprogramm. Aus dem Wort „Schönheitssalon“ hätte Julie vermutlich vor allem eine Frage herausgehört: „Gibt es danach etwas Gutes?“ Ob sie mit jeder Maßnahme einverstanden war, verraten uns ihre Gedanken nicht. Der Humor liegt in der Vorstellung: Menschen finden gepflegtes Fell wichtig; ein Hund könnte andere Tagesordnungspunkte bevorzugen. Draußen wartet schließlich genug Arbeit für die Nase. Dennoch gehört auch das Kümmern um Fell und Pflege zu einem gemeinsamen Leben, ebenso wie Spielen und Ausruhen. Ihr Herrchen beschrieb sie später als selbstsicher, charakterstark und sehr aufmerksam. Die anfängliche Angst hatte viel von ihrem Raum verloren. Julie wich ihm kaum von der Seite. „Dort, wo ich bin, ist auch Julie“, schrieb er. Ein einfacher Satz, hinter dem viele gemeinsam verbrachte Stunden stehen. Ganz ohne eigene Ansichten war diese Begleiterin allerdings nicht. Monatelang hatte sie nicht gebellt. Ihr Herrchen erzählte mit Humor, Cookie, der Chihuahua seiner Schwiegertochter, habe ihr das beigebracht. Später wurden Hunde am Gartenzaun und laute Mopeds oder Motorräder durchaus hörbar kommentiert. Die einst so stille Julie hatte offenbar auch eine Stimme für die Nachbarschaft gefunden. Besucher begrüßte sie freundlich. Ihr Herrchen vermutete dabei nicht ganz ohne Schmunzeln, dass ein mögliches Leckerli die Begrüßung zusätzlich attraktiv machte. Man muss nicht jede Zuneigung auf eine Belohnung zurückführen. Aber es wäre auch ungerecht, Julies Sinn für günstige Gelegenheiten zu unterschätzen. Besonders schön war der Unterschied zwischen Restaurant und Zuhause. Wenn sie mit in den Speisesaal durfte, lag sie brav unter dem Tisch und wartete, bis ihre Menschen fertig waren. Daheim verlief die Sache lebhafter. Dort brauchte es deutlich mehr Überzeugungsarbeit. Ein gedachter Kommentar Julies könnte lauten: „Auswärts bin ich Gast. Hier kenne ich die Küche.“ Bei allem gewachsenen Vertrauen blieb ihr Jagdtrieb ein Thema. Ihr Herrchen ließ sie deshalb weiterhin an der Leine. Eine geliebte Hündin muss nicht in jeder Hinsicht unkompliziert sein. Man lernt ihre Eigenheiten kennen und richtet das gemeinsame Leben danach aus. Julie war kein makelloses Muster aus einem Erziehungsbuch. Sie war Julie: aufmerksam, anhänglich, temperamentvoll, mit Appetit und gelegentlich sehr eigenen Vorstellungen. Gerade darin wurde sie ihrer Familie vertraut. Man liebte nicht irgendeinen vollkommenen Hund. Man liebte diesen.

Wo Julie hingehoert

Auf vielen Bildern fehlt ihr Herrchen. Nicht, weil er nicht dabei gewesen wäre, sondern weil er meist selbst fotografierte. Das hat er in der Unterhaltung erzählt, als er nach gemeinsamen Aufnahmen suchte. Auch hinter einem Foto kann Nähe stecken: im Blick des Menschen, der einen Augenblick festhalten möchte. Die Kamera bewahrt Bewegung und Begegnungen, aber auch die ruhigen Minuten. Julie muss darauf nichts Besonderes leisten. Sie darf einfach da sein. Im Körbchen, neben einem anderen Hund, mitten in ihrem Alltag. Dieses Bild braucht keine große Handlung. Zwei Hunde teilen sich einen Platz. Eine Decke, ein Körbchen, ein vertrauter Raum: So unspektakulär kann ein wertvoller Augenblick aussehen. Nach all den Wegen und Spielen ist auch das Teil eines Hundelebens – zur Ruhe kommen dürfen. Luna und Kira wurden durch Julie nicht vergessen. Ihr Herrchen hat ausdrücklich von seiner Liebe zu ihr gesprochen, ohne die früheren Hunde aus der Erinnerung zu verlieren. Liebe muss die Vergangenheit nicht ausräumen, um jemand Neuem Platz zu machen. Julie hatte ein Zuhause gefunden. Ihr Herrchen hatte wieder eine Begleiterin, mit der er seine Tage teilte. Die Familie war ihr zugetan, und aus der Sorge um eine fremde Hündin war längst Verbundenheit geworden. Dafür braucht es am Ende keine größere Behauptung als diese: Sie suchte ein Zuhause. Er suchte wieder einen Hund. Gefunden haben sie einander.

Die Tuer steht einen Spalt offen

Hier endet der erste Teil von Julies Geschichte. Bei einem Hund, der angekommen ist, und bei den Menschen, zu deren Leben er gehört. Was diese Jahre groß macht, sind nicht nur die besonderen Tage. Es sind auch die Wege, die man immer wieder zusammen geht, die vertrauten Eigenheiten und die Freude, wenn der andere da ist. Die wirkliche Julie hat uns bereits genug Stoff zum Lächeln gegeben: ein durchgenagtes Brustgeschirr, ein plötzlich verkleinerter Wohnzimmerdschungel, Herrchen beim Training mit Leckerlis und ein Ausflug ins Wasser, der nicht zur großen Schwimmkarriere führte. Sie brauchte keinen Film und keine Bühne, um eine Persönlichkeit zu sein. Doch beim Betrachten solcher Erinnerungen beginnt manchmal etwas Neues. Ein Blick am Wasser wird zur Frage: Wie sähe Julie wohl als Kapitänin aus? Ihre guten Manieren im Restaurant lassen einen an einen besonders festlichen Besuch denken. Und wer ihren Eigensinn kennt, kann sich leicht vorstellen, dass sie bei größeren Unternehmungen sehr genaue Anweisungen für ihr Herrchen bereithielte. Bis hierher haben uns ihr wirkliches Leben und die Erinnerungen ihrer Familie getragen. Auf der nächsten Seite dürfen wir die Richtung ändern. Dort werden aus Möglichkeiten erfundene Abenteuer, und Julie darf Rollen übernehmen, die ihr im Alltag niemand angeboten hat. Die Bilder und Geschichten dieser neuen Welt werden später ihren eigenen Platz bekommen. Vielleicht würde sie vor dieser Tür noch einmal zurückschauen, die Ohren aufstellen und fragen: „Kommst du, Herrchen?“ Noch stehen wir auf dem vertrauten Weg. Aber die Tür ist schon einen Spalt offen. Dahinter beginnt Teil II: Wo die Wirklichkeit endet und die Fantasie beginnt.

Teil 1

Die echte Julie