Julia von Lucenec
Autor: Siegfried Wollinger
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Wo die Wirklichkeit endet und die Fantasie beginnt

Erzählte Fantasieabenteuer mit KI-generierten Bildern

Jetzt erzaehle ich

Bis hierher hat mein Herrchen erzählt. Er hat das recht ordentlich gemacht. Ein paar Dinge hätte ich anders gewichtet. Die Frankfurter zum Beispiel hätten durchaus ein eigenes Kapitel verdient. Dafür hätte man die Angelegenheit mit dem Blumentopf etwas diskreter behandeln können. Aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Nun möchte ich selbst zu Wort kommen. Und damit ihr wisst, woran ihr seid: Ab jetzt darf unsere Fantasie alles, was im gewöhnlichen Hundeleben eher schwierig wäre. Tischreservierungen vornehmen. Schiffe steuern. Flügel bekommen. Mein Herrchen behauptet, manches davon sei unmöglich. Er hat früher auch geglaubt, sein Adventkranz sei sicher. Die Tür am Ende unserer wirklichen Geschichte stand bereits einen Spalt offen. Ich schob sie mit der Nase auf. Dahinter lag kein dunkler Gang, sondern ein heller Abend in Wien. Herrchen stand vor dem Spiegel und rückte seine Fliege zurecht. „Julie“, sagte er, „was hast du vor?“ Ich betrachtete seinen Smoking. „Offenbar dasselbe wie du. Nur bin ich schon fertig.“ Meine schwarze Fliege saß tadellos. Ich hatte einen Tisch reserviert. Für zwei, selbstverständlich. Man lässt seinen Menschen schließlich nicht einfach daheim zurück. Er griff nach der Leine. Ich griff nach dem Programm für den Abend. Einer von uns beiden musste ja den Überblick behalten.

Eine Tischreservierung fuer Julie

Im Sacher wurden wir freundlich empfangen. „Auf welchen Namen haben Sie reserviert?“ Herrchen öffnete den Mund. „Julie“, sagte ich. Er schloss ihn wieder. Ein sehr guter Beginn. Man führte uns an einen gedeckten Tisch. Über uns funkelten die Lichter. Die Servietten waren so sorgfältig gefaltet, dass ich kurz an meine früheren Arbeiten mit Zeitungspapier denken musste. Ich ließ sie unberührt. Eine Dame muss wissen, wann sie ihre Talente zurückhält. Herrchen deutete gewohnheitsmäßig unter den Tisch. Ich sah ihn an. Dann den freien Platz neben ihm. Dann wieder ihn. „Das haben wir früher so gemacht. Heute lautet die Reservierung auf mich.“ Er zog den zweiten Stuhl zurück. Es ist schön, wenn Erziehung langfristig Wirkung zeigt. Während er die Speisekarte studierte, las ich die Nachrichten aus Richtung Küche. Als der Kellner mit dem Steak erschien, war meine Entscheidung längst gefallen. „Für die Dame?“ Ich nickte. Endlich jemand, der die Situation überblickte. „Du hast schon bestellt?“, fragte Herrchen. „Du liest noch?“

Der Abend ist noch jung

Herrchen lachte und legte die Speisekarte beiseite. Für einen Moment schaute ich zu ihm hinüber. Er saß neben mir, ganz ungewohnt herausgeputzt, und war doch derselbe Mensch, der mit mir bei eisiger Kälte auf dem Hundeplatz gestanden hatte. Derselbe, der Leckerlis versteckte und anschließend so tat, als wären meine Sucherfolge eine große Überraschung. Früher war er mit einem Futterbeutel durch den Garten gelaufen. Heute saßen wir unter einem Kronleuchter. Ich legte ihm kurz eine Pfote auf den Arm. „Schön, dass du mitgekommen bist.“ Er strich mir über den Kopf. „Wo du bist, bin ich doch auch.“ Das gefiel mir. Ich hatte es jahrelang andersherum gehört. Nach dem Essen lehnte er sich zufrieden zurück. „Das war ein schöner Abend.“ Ich blickte auf die Uhr. „Das war das Abendessen.“ Er sah mich misstrauisch an. „Julie. Was hast du noch vor?“ „Einen kleinen Spaziergang.“ Das beruhigte ihn sofort. Spaziergänge kannte er. Damit hatten wir Erfahrung. Draußen lag Wien im Abendlicht. Wir gingen nebeneinander, und für ein paar Schritte war alles wie immer: seine Hand an der Leine, meine Nase voller Neuigkeiten. Dann blieb ich vor einer Tür stehen. In goldenen Buchstaben stand dort: Casino Wien. Herrchen blickte erst auf das Schild, dann auf mich. „Du hast gesagt, wir gehen spazieren.“ „Sind wir doch. Jetzt sind wir da.“

Chips, die man nicht essen kann

In unserem Fantasie-Wien war man auf vierbeinige Gäste vorbereitet. Trotzdem schaute die Dame am Spieltisch kurz auf meine Pfoten. „Können Sie Karten halten?“ „Herrchen hält sie für mich. Er wollte ohnehin eine Aufgabe.“ Er setzte sich neben mich. Vor uns lagen bunte Spielmarken. Chips, erklärte er. Ich schnupperte vorsichtig daran und war enttäuscht. Menschen schaffen es tatsächlich, sogar Dinge nach Essen zu benennen, die überhaupt keines sind. Wir vereinbarten einen kleinen Einsatz für unseren Spaßabend. Mehr nicht. Mein Futterbudget blieb unangetastet. In wichtigen Angelegenheiten bin ich ausgesprochen vernünftig. Ich verstand die Karten nicht besser als andere Anfänger. Aber ruhig schauen konnte ich. Wer jahrelang neben einem Frühstückstisch gesessen hat, ohne offiziell zu betteln, besitzt eine gewisse Gesichtskontrolle. Einmal hatten wir Glück. Vor meinen Pfoten stand plötzlich ein hübscher Stapel. „Noch eine Runde?“, fragte Herrchen. Ich legte die Pfote darauf. „Nein. Jetzt gehen wir.“ Er staunte. Dabei war die Entscheidung einfach: Im Hotel wartete ein Bett. Diese Chips würden auch nach zehn weiteren Runden nicht nach Frankfurtern schmecken.

Die Dame uebernimmt die Rechnung

Am nächsten Morgen frühstückte Herrchen in aller Ruhe. Ich saß neben ihm und beobachtete die Croissants mit rein beruflichem Interesse. Meine eigene Mahlzeit hatte ich bereits bekommen. Ein Überblick über die übrigen Vorräte konnte trotzdem nicht schaden. Als die freundliche Mitarbeiterin mit der Rechnung kam, streckte ich meine Pfote aus. Darunter lag eine schwarze Karte. Herrchen sah mich an. „Julie, seit wann hast du eine Kreditkarte?“ „Seit du mir deine Jacke zum Aufpassen gegeben hast.“ Sein Blick wanderte zur Karte, dann zur Rechnung. Ich schob sie ihm hin. Schließlich sollte er wissen, was er mir erlaubte. Er las den Betrag und nickte lächelnd. „Na gut. Heute darfst du bezahlen.“ Ich hielt die Karte ans Gerät. Es piepste. Erstaunlich unkompliziert. In der Hundeschule hatten wir für manche Übungen wesentlich länger gebraucht. „Vielen Dank, gnädige Frau.“ Ich nickte würdevoll. Herrchen verstaute seine Karte diesmal selbst. „Und jetzt?“, fragte er. „Jetzt hole ich den Wagen.“ Er stellte die Kaffeetasse sehr langsam ab.

Bitte anschnallen, Herrchen

Vor dem Hotel wartete ein offener Wagen. Ich trug eine Chauffeursmütze, die ein wenig auf die Ohren drückte, aber ausgezeichnet zu meiner neuen Verantwortung passte. Herrchen setzte sich neben mich und betrachtete meine Pfoten am Lenkrad. „Du weißt schon, wo es hingeht?“ „Natürlich.“ „Und woher?“ „Ich habe die Reiseunterlagen gelesen.“ Er blickte mich an. „Du kannst doch gar nicht …“ Dann hielt er inne. Seit gestern Abend hatte er diese Art von Einwand bemerkenswert oft zurücknehmen müssen. In unserer Geschichte passten die Pedale selbstverständlich zu meinen Pfoten. Ich fuhr vorsichtig los. Herrchen entspannte sich erst, als er merkte, dass ich an jeder Kreuzung tatsächlich hinsah. „Du fährst ja recht ordentlich.“ „Danke. Bitte nicht mit dem Fahrer sprechen.“ Ein paar Straßen weiter legte er die Hand auf meinen Rücken. Ich ließ sie dort. Vorschriften brauchen gelegentlich eine kleine Ausnahme. Vor der Abzweigung zum Flughafen parkte ich sauber ein. Auf dem Beifahrersitz lag eine Straßenkarte. Ich schaute auf die Karte, dann auf das Flughafenschild. „Herrchen, ich glaube, wir nehmen einen kleinen Umweg.“ Er kannte inzwischen meine kleinen Spaziergänge. Trotzdem faltete er die Karte auseinander.

Roadtrip mit Julie

Die Chauffeursmütze durfte ins Gepäck. Ich bekam mein rotes Halstuch und eine Fliegerbrille, Herrchen das Lenkrad. Jemand musste schließlich die Landschaft prüfen. Dafür war meine Nase besser geeignet als seine. Vor uns zeigte ein Wegweiser nach Österreich, Italien, Frankreich, in die Schweiz und nach Monaco. Darunter stand: Immer weiter. Eine erfreulich klare Reiseplanung. „Wo ist eigentlich das Navigationsgerät?“, fragte Herrchen. Ich legte die Pfote auf unsere Straßenkarte. „Herrchen, wir wollen ein Abenteuer erleben. Nicht ankommen.“ Er lachte und ließ den Motor an. Die Koffer waren verstaut, meine Decke lag bereit. Ich kontrollierte den Reiseproviant. Danach kontrollierte ich ihn sicherheitshalber noch einmal. Wir fuhren durch Österreich, machten einen Abstecher in die Schweiz und kamen über die Berge nach Italien. Herrchen bewunderte die Aussicht. Ich entdeckte bei unserem ersten Halt eine Jausenstation. So ergänzten wir uns. An einem See hielt er an und setzte sich mit mir ans Ufer. Eine Weile hörten wir nur das Wasser. Seine Hand lag auf meinem Rücken. Ich war froh, dass wir noch nicht über all das hinweggeflogen waren. Später roch die Luft nach Meer. Wir folgten der Küste nach Frankreich und machten einen Abstecher nach Monaco. Vor dem Casino blieb Herrchen stehen. Ich ging weiter. „Die Chips kennen wir schon.“ Als wir am Abend Nizza erreichten, zerknitterte er beinahe die Karte beim Zusammenfalten. Ich half mit einer Pfote. Nun war sie kleiner. Ordentlicher nicht. „Und morgen fahren wir weiter?“, fragte er. Im Hafen klapperten die Masten. Ich stellte die Ohren auf. „Vielleicht wechseln wir den Wagen.“ Er folgte meinem Blick zum Wasser. Die Karte ließ er vorsichtshalber offen.

Kapitaen Julie legt ab

Am nächsten Morgen gingen wir in Nizza zum Hafen. Dort lag ein Segelschiff. Sein Name war Julie. Ich betrachtete die Buchstaben und dann mein Herrchen. „Endlich etwas, das ordentlich beschriftet ist.“ Er reichte mir die weiße Kapitänsmütze. „Du wolltest doch nie ins Wasser.“ „Ich habe gesagt, ich möchte nicht schwimmen. Vom eigenen Schiff war damals keine Rede.“ Damit war die nautische Grundsatzfrage geklärt. Ich übernahm das Steuer. Herrchen kümmerte sich um die Leinen, die Segel und die angenehme Tatsache, dass er direkt neben mir blieb. Die Luft roch nach Salz. Möwen begleiteten uns, als hätten sie noch etwas Wichtiges mitzuteilen. Ich hörte höflich zu, verstand aber nur Geschrei. Vermutlich ging es um Essen. Als die Küste hinter uns kleiner wurde, entdeckten wir eine Insel, die auf unserer Karte nicht eingezeichnet war. Ein schmaler Hafen lag zwischen alten Häusern. Am Steg saß ein Papagei mit einem Stück Papier im Schnabel. „Besuch für dich“, sagte Herrchen. Der Vogel rief: „Schatz! Schatz!“ Ich ließ anlegen. Man soll fremde Ortskundige schließlich ernst nehmen.

Die Karte im Schnabel

Der Papagei stellte sich als Admiral Krümel vor. Er hatte weder ein Schiff noch eine Mannschaft, dafür aber ein ausgeprägtes Bedürfnis, Befehle zu erteilen. Wir verstanden uns auf Anhieb. Aus einer Kiste am Steg zog er einen Piratenhut, einen Gürtel und eine Augenklappe. „Vorschrift!“ Ich probierte alles an. Die Augenklappe schob ich nach dem feierlichen Auftritt hoch. Für eine Schatzsuche wollte ich beide Augen benutzen. Krümel setzte sich auf meinen Rücken und hielt mir die Karte über den Kopf. „Ein Schatz im Wald!“, krächzte er. Herrchen nahm seinen Rucksack. „Dann sehen wir uns das an.“ Wir folgten einem Bach zwischen moosigen Steinen hindurch. Krümel gab die Richtung an und änderte sie gelegentlich mitten im Satz. Herrchen drehte schließlich die Karte um. Danach ging es besser. Auf einer Lichtung stand eine Truhe. Kein Schloss, nur eine Inschrift: „Öffnet sich für das, was dir wirklich fehlt.“ Ich überlegte gründlich. Dann sagte ich deutlich: „Leckerlis.“ Der Deckel hob sich einen Spalt. Goldener Staub stieg heraus. Und irgendwo darin machte es: Miau.

Ich hatte deutlich Leckerlis gesagt

Neben der Truhe lagen ein blauer Umhang, ein spitzer Hut und ein Zauberstab. Krümel nickte geschäftig. „Anziehen! Schwingen! Funktioniert meistens!“ Das letzte Wort hätte uns zu denken geben sollen. Aber die Truhe leuchtete bereits, und meine Neugier war schneller als meine Vorsicht. Ich legte den Umhang um und hob den Stab. Funken zeichneten einen Kreis in die Luft. Aus der Truhe schwebte eine getigerte Katze. Sie sah mich an. Ich sah Herrchen an. „Ich hatte deutlich Leckerlis gesagt.“ „Und ich hatte geschlafen“, sagte die Katze. Sie hieß Minna und bewachte die Inselbibliothek. Ein missglückter Zauber hatte sie in die Truhe versetzt. „Du hast mich befreit. Jetzt musst du nur noch den übrigen Zauber lösen.“ „Welchen übrigen Zauber?“ Mein Umhang spannte plötzlich über den Schultern. Unter meinen Pfoten knirschte etwas. Ich schaute hinunter. Schuppen. Herrchen machte einen Schritt auf mich zu. „Julie?“ Dann wuchsen mir Flügel. Krümel räusperte sich. „Meistens“, wiederholte er sehr leise.

Ein Drache mit vertrautem Blick

Ich war grün und golden geworden. Mein Schwanz lag in einer langen Kurve hinter mir. Die Flügel ließen sich bewegen, was ich sofort ausprobierte. Ein Farn legte sich flach auf den Boden. Herrchen ging um mich herum. Ich hielt still. Schließlich blieb er vor mir stehen und sah in mein Gesicht. „Ja“, sagte er. „Das bist immer noch du.“ „Woran erkennst du das?“ „Du schaust genau so, wenn du ein zweites Frühstück möchtest.“ Das beruhigte mich mehr, als ich zugeben wollte. Ich hatte neue Füße, neue Haut und eine beträchtlich veränderte Sitzfläche. Aber er erkannte mich. Minna führte uns zu einem hohlen Baum, in dem die Inselbibliothek lag. Dort las sie nach: Der Zauberstab vergrößerte, was in einem steckte. Bei mir offenbar der Mut. Und ein gewisser Hang zu eindrucksvollen Auftritten. Für die Rückverwandlung brauchten wir das Buch der kleinen Dinge. Es lag hinter einer Schlucht, die seit Jahren von einer Schattenkatze bewacht wurde. Herrchen seufzte. „Wir hätten im Sacher bleiben können.“

Die Katze aus dem Schatten

An der Schlucht verdunkelte sich der Wald. Zwischen den Bäumen formte sich eine riesige schwarze Katze aus violettem Nebel. Sie fauchte, und Krümel verschwand sofort hinter Herrchens Rucksack. Ich stellte mich vor die anderen. Als ich erschrocken Luft holte, kam beim Ausatmen Feuer heraus. Es schoss über die leeren Steine vor uns. Die Schattenkatze sprang zurück. Ich erschrak über mich selbst. „Julie“, sagte Herrchen hinter mir, „ich bin da.“ Seine ruhige Stimme half. Ich schloss das Maul. Feuer war eine beeindruckende Fähigkeit, aber keine besonders gute Gesprächseröffnung. Minna trat neben mich. „Sie bewacht das Buch, weil sie Angst hat, wieder vergessen zu werden.“ Ich kannte Angst. Auch ohne Schuppen hatte ich sie gekannt. Deshalb setzte ich mich, so gut ein Drache das eben konnte, und wartete. Schließlich fragte ich: „Wie heißt du?“ „Nox“, flüsterte es aus dem Nebel. „Kommst du mit uns, Nox?“ Die riesige Gestalt wurde kleiner. Wo eben noch Krallen und Schatten gewesen waren, saß nun eine schwarze Katze. Sie führte uns zum Buch. Diesmal ging niemand allein.

Das kleinste große Wunder

Minna schlug das Buch auf. „Wer wieder klein werden will, muss nicht weniger mutig sein. Er muss wissen, wo er sich sicher fühlt.“ Ich schaute zu Herrchen. Mehr war nicht nötig. Das Gold auf meinen Schuppen begann zu schimmern. Die Flügel verschwanden, mein Schwanz bekam wieder Fell – und dann wurde ich kleiner. Sehr viel kleiner. Herrchen hielt mir die offene Hand hin. Ich passte vollständig hinein. Zum ersten Mal in meinem Leben war ein einzelnes Leckerli eine ernst zu nehmende Wochenration. Er hob mich behutsam näher zu sich. „Na, mein kleines Wunder?“ Ich legte meine winzige Pfote auf seinen Daumen. Nach Schiffen, Schätzen und Drachenflügeln war das gerade der beste Platz der Welt. „Eine Seite weiter“, murmelte Minna. Sie blätterte um und las den letzten Satz. Langsam bekam ich meine vertraute Größe zurück. Herrchen setzte mich ins Gras und kniete neben mir. Ich drückte die Nase an seine Jacke. Krümel wollte wissen, wo der Schatz geblieben sei. Ich antwortete nicht gleich. Minna und Nox saßen nebeneinander am Buch, und Herrchens Hand ruhte auf meinem Rücken. Manchmal liegt die Antwort so nah, dass selbst ein Papagei sie übersehen kann.

Diesmal passe ich auf dich auf

Nach unserer Heimreise wünschte sich Herrchen einen ganz normalen Ausflug in die Berge. Keine Zauberstäbe. Keine sprechenden Vögel. Ich war einverstanden und nahm vorsichtshalber eine kleine rote Erste-Hilfe-Tasche mit. Auf einem schmalen Weg rutschte er auf losem Geröll aus. Er kam auf einem tieferen Absatz zum Sitzen und verzog das Gesicht. Diesmal machte ich keinen Scherz. Ich blieb oberhalb bei ihm und brachte ihm die Tasche. „Bleib ruhig, Herrchen. Ich bin da.“ Er nahm sie entgegen. Seine Hand zitterte ein wenig. Meine Pfoten standen fest. Über sein Telefon erreichte er Hilfe. Ich blieb in seiner Nähe, während wir warteten. Als die Retter kamen, machte ich mich mit Bellen bemerkbar. Gemeinsam brachten sie ihn wieder auf den sicheren Weg. Später saßen wir mit einer Decke um seine Schultern und einem Verband am Knöchel nebeneinander. „Meine Heldin“, sagte er leise. Ich lehnte mich an ihn. Früher hatte er mich aus der Kälte geholt. Heute hatte ich auf ihn aufgepasst. Das musste niemand gegeneinander aufrechnen. „Nächstes Mal nehmen wir einen leichteren Weg“, sagte er. Ich nickte. „Mit einer Jausenstation.“ Nun konnte er wieder lachen.

Sehr wichtige Pfoten

Als Herrchens Knöchel wieder heil war, kam eine Einladung aus Hollywood: Man wollte einen Film über uns drehen. Krümel behauptete, er habe ausgezeichnete Kontakte. Diesmal fuhren wir tatsächlich zum Flughafen. In der Lounge bekam ich einen Anhänger mit der Aufschrift „VIP PAWS“. Herrchen übersetzte: sehr wichtige Pfoten. Ich fand das angemessen. Diese Pfoten hatten schließlich schon einiges geleistet, lange bevor jemand ihnen einen eigenen Ausweis ausstellte. Auf meiner Tasche stand mein Name. Darin lagen die Dinge, die eine weitgereiste Dame benötigt: eine Decke, ein vertrautes Spielzeug und ausreichend Reiseproviant. Herrchen hatte auch Gepäck. Was darin war, weiß ich nicht. Vermutlich zu viele Hemden. Unsere Bordkarten führten nach Los Angeles. Hinter dem Fenster wartete ein Flugzeug. Ich rückte näher an ihn heran. Auch eine Dame von Welt darf beim ersten großen Abflug ein vertrautes Knie neben sich bevorzugen. Er kraulte mich hinter dem Ohr. „Aufgeregt?“ „Ich überprüfe nur, ob du da bist.“ „Bin ich.“ Das genügte. Als wir aufgerufen wurden, nahm er meine Tasche, und ich ging mit ihm zur Tür. Diesmal ließ sich der Weg nicht mit ein paar zusätzlichen Kurven verlängern. Zwischen uns und Hollywood lag ein Ozean. Ich überließ das Steuer ausnahmsweise jemandem, der eine eigene Uniform mitgebracht hatte.

Ein Stern mit vier Pfoten

In Hollywood wurden wir bereits erwartet. Krümel hatte uns gebeten, seinen Namen im Abspann zu erwähnen. Unter „Beratung“, meinte er. Ich fand „Zwischenrufe“ genauer. Ich bestand darauf, dass Herrchen mitkam. Er bekam einen Stuhl am Set und die wichtigste Aufgabe der Produktion: Er musste ganz er selbst bleiben. Das konnte niemand besser. Die Drachen wurden mit Filmtricks gemacht. Nach meinen Erfahrungen mit dem Zauberstab fand ich das vernünftig. Der Regisseur rief „Sitz!“, und ich setzte mich. Er war begeistert. Herrchen murmelte: „Das konnte sie schon vor Hollywood.“ Bei der Premiere trug ich eine Krone und einen roten Umhang. Kameras blitzten, und neben uns stand ein Preis für die beste Hundedarstellerin. Eine Reporterin fragte nach meinem Erfolgsgeheimnis. Ich deutete auf Herrchen. „Er weiß, wo man mich hinter den Ohren kraulen muss.“ Später standen wir vor meinem Stern im Boden. Herrchen strahlte. Ich freute mich über ihn mehr als über den Stein. „Was möchtest du jetzt?“, fragte er. Darüber musste ich nicht nachdenken. „Heimfahren.“

Wieder im Garten

Zu Hause stand kein Empfangskomitee bereit. Kein roter Teppich führte zur Tür. Dafür roch der Garten vertraut, und an einer Stelle musste dringend nachgesehen werden, was während unserer Abwesenheit geschehen war. Herrchen zog den Smoking aus und seine bequeme Jacke an. Ich legte die Krone ab. Dann setzte er sich zu mir, und ich schmiegte mich in seinen Arm. „Fehlt dir der Trubel?“, fragte er. Ich hörte einen Vogel, irgendwo hinter dem Zaun. Einen gewöhnlichen Vogel. Er erteilte keine Befehle. Das war angenehm. „Nein“, sagte ich. „Hier habe ich genug zu tun.“ Herrchen lachte. Genau dieses Lachen hatte ich auf all unseren Reisen am liebsten gehört. Nicht den Applaus, nicht die Begrüßungen, nicht einmal das freundliche Piepsen beim Bezahlen im Sacher. Ich durfte Kapitänin sein, Zauberin, Drache oder Filmstar. Hier musste ich mich für keine Rolle entscheiden. Er kannte mich längst. Eine Weile saßen wir einfach da. Dann stand er auf und griff nach der Leine. „Komm, Julie. Eine kleine Runde?“ Ich war sofort bereit.

Manche Geschichten enden nie

Unser Weg führte zu einer Bank mit weitem Blick über die Landschaft. Die Sonne stand tief. Herrchen setzte sich, ich rückte an seine Seite, und sein Arm legte sich um mich. Es gab nichts zu gewinnen, niemanden zu beeindrucken und keinen Zauber zu lösen. Wir schauten einfach hinaus. Nach einer Weile fragte er: „War das nun alles wirklich?“ Ich dachte an den Piratenhut, an meine Flügel und an die winzige Pfote auf seinem Daumen. „Die Abenteuer haben wir uns ausgedacht“, sagte ich. „Dass ich gern bei dir bin, nicht.“ Er zog mich ein wenig näher zu sich. Der Abend wurde still. Ich ließ den Kopf an seinem Arm ruhen. „Und morgen?“, fragte er schließlich. Ich stellte ein Ohr auf. „Morgen fällt uns schon etwas ein.“ Er lächelte. „Bestimmt wieder etwas mit Leckerlis.“ Ich schwieg würdevoll. Ein wenig Spannung muss bleiben. Als wir aufstanden, ließ ich ihm den ersten Schritt. Dann ging ich neben ihm her. Wohin auch immer die nächste Geschichte uns führen würde – wir würden zusammen losgehen.

Teil 2

Julie - ein kleines Hundeleben voller großer Abenteuer